Simon Bunke: HeimwehDas Heimweh galt zwischen dem späten 17. und frühen 20. Jahrhundert nicht als ein vages 'Gefühl', sondern als eine schwere Krankheit, die tödlich sein kann. Die Dissertation behandelt folglich auf gut 750 Seiten die Medizin-, Kultur- und Literaturgeschichte dieser tödlichen Krankheit Heimweh. Der erste umfangreiche Teil der Dissertation rekonstruiert die Wissenschaftsgeschichte des Heimwehs. Im späten 17. Jahrhundert wurde das Heimweh als Krankheit diskursiviert und von dem Schweizer Arzt Johannes Hofer 1688 unter dem Fachbegriff 'Nostalgia' in die Medizin eingeführt. Während Hofer noch in humoralpathologischen Kategorien argumentiert und das Heimweh aus einer Verwirrung der Spiritus animales ableitet, beginnt im 18. Jahrhundert die diskursive Verbreitung des Heimwehs. Zunächst erfolgt die Auseinandersetzung mit dem 'Diskursivitätsbegründer' Hofer im Sinne von Bearbeitungen, Erweiterungen und Revisionen seiner Dissertatio medica de nostalgia. Das Heimweh ist in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch kein 'ursprungsloses' diskursives Wissen, sondern muß in seiner Plausibilität noch immerfort beglaubigt werden. Erst als sich der Heimweh-Diskurs zur Jahrhundertmitte stabilisiert, wird die neue Krankheit in einem zweiten Schritt in die einschlägigen Nosologien (etwa von Linné, Cullen oder Sauvages) aufgenommen und damit in dem System der Krankheiten verortet. Schließlich verbreitet sich das Heimweh im späten 18. Jahrhundert auch in andere Diskurse, es wird vor allem zu einem Problem der Justiz und der forensischen Medizin. Denn ab 1780 häufen sich die Fälle heimwehkranker Dienstmädchen, die entweder das Haus ihrer Herrschaft in Brand gesteckt oder die ihnen anvertrauten Kinder ermordet haben, um 'nach Haus' zu kommen. Während hier das Heimweh als Ursache von Verbrechen erscheint, wird es zugleich als Grund für Strafminderung juridisch zugelassen: Wer zum Tatzeitpunkt heimwehkrank war, gilt als nicht oder nur teilweise zurechnungsfähig und erhält folglich mildere Strafen. Bis ins späte 18. Jahrhundert war das Heimweh indes ein Schweizer Sonder-Diskurs. Das Heimweh galt als eine Schweizerkrankheit, war also etwas, woran vor allem Schweizer Bergbewohner erkranken sollen; auch der Begriff "Heimweh" ist im 18. Jahrhundert ein Schweizer Dialektwort. Erst im 19. Jahrhundert breitet sich der Heimweh-Diskurs weiter aus und löst sich von dieser regionalen Beschränkung; vor allem in Frankreich und Deutschland, aber auch in England und den U.S.A. wird die Krankheit in zahlreichen Abhandlungen untersucht. Da jedoch neben der anthropologischen Verallgemeinerung kaum neue Aspekte eingebracht werden, erscheint der Heimweh-Diskurs ab etwa 1840/50 zunehmend fragwürdig. So ist für Ludwig Meyer das Heimweh ein kaum mehr konkreter faßbares "Chamäleon der Pathologie" (Der Wahnsinn aus Heimweh, 1855). Bis in die 1880er Jahre ebbt daher die medizinische Diskussion stark ab und ist um 1900 fast gänzlich verschwunden. Die 1909 erschienene Dissertation von Karl Jaspers (Heimweh und Verbrechen) ist schon ein deutlicher Anachronismus.Der zweite Teil der Dissertation beschreibt Transferbereiche zwischen den Diskursen des Heimwehs und der kulturellen Alltagspraxis einerseits, zwischen den Diskursen und der Kunst andererseits. Anhand dreier Beispiele aus dem späten 18. Jahrhundert (Goethe), um 1840 (E. Haeckel) und um 1880 (Berichte in US-Tageszeitungen) geht es um den Bezug der kulturellen Alltagspraxis auf die Diskurse: Wie war das alltägliche ‚Fühlen' und ‚Handeln' im Zeichen des tödlichen Heimwehs strukturiert? Wie läßt sich eine Formung der Alltagspraxis durch Diskurse genau beschreiben und rekonstruieren? Dieses Brückenkapitel ist notwendig, um der Gefahr einer allzu umstandslosen Erhebung diskursiver Gegebenheiten zur alleingültigen Norm zu entgehen. Ähnlich verfolgt das andere Kapitel dieses Teils, wie medizinisches Wissen in die Kunst eingewandert ist: anhand der Pathologisierung einer Kunstform, der Musik. Im frühen 18. Jahrhundert etabliert sich im Rahmen der medizinischen Diskussion des Heimwehs ein Argument, das die Hirtenmusik des Kuhreihens (Ranz de vaches) bzw. den Alphorn-Klang als gefährlichen Auslöser des Heimwehs identifiziert. Daher wurde u.a. das Singen oder Spielen des Kuhreihens im Militär strengstens verboten. Um 1750 generalisieren zunächst F.A. Nicolai, dann aber vor allem J.J. Rousseau diese (zunächst substantiell in der Musik vermutete) Wirkung des Kuhreihens auf ein "signe memoratif" hin: Letztlich jede Musik kann das Heimweh auslösen, da sie als ein Erinnerungszeichen fungiert. Dies schreibt dann die Lyrik der Romantik und Nachromantik breit aus. Texte etwa von Arnim und Brentano ("Zu Straßburg auf der Schanz"), Kerner ("Das Alphorn"), Wordsworth ("On Hearing the Ranz de Vaches on the Top of St.Gothard"), Lenau ("Doppelheimweh"; "Heimatklang") und andere thematisieren - unter zunehmender Metaphorisierung der ‚krankmachenden Musik' - diesen Konnex aus Pathologie und Musikästhetik. Am Ende dieser Entwicklung steht Siegfried Kracauers Rezension "Heimweh nach Sein" (1929), in dem sich dieses kulturelle Wissen bereits sehr stark sedimentiert hat und nurmehr als metaphorische Prozessierung greifbar ist.Der dritte Teil der Dissertation untersucht dann weitere literarische Paradigmen des Heimwehs, die nicht in den zuvor untersuchten Bereich der Musik fallen. Im 18. Jahrhundert gibt es noch keine eigentliche Literatur des Heimwehs. Die Gründe hierfür mögen zum einen in der starken Pathologisierung des Heimwehs liegen, zum anderen in der strikten Beschränkung des Heimwehs auf die Schweiz. Das Heimweh gilt dem 18. Jahrhundert vor allem als eine Schweizerkrankheit. Erst gegen Jahrhundertende gibt es vereinzelte Literarisierungen: in Gedichten von Fr. Matthisson und S.G. Bürde, in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre und in Jung-Stillings Das Heimweh. Erst um 1800 wird das Heimweh in breitem Maße literarisch verarbeitet. Neben den bereits genannten Gedichten sind hier auch Texte von Eichendorff, Tieck oder Mörike einschlägig. Schon hier und noch mehr im Verlauf des 19. Jahrhunderts kommt es zu einer Entpathologisierung des Heimwehs in der Literatur. Gottfried Kellers Roman Der Grüne Heinrich wird - in beiden Fassungen - vor allem anhand der zwei "Traum"-Kapitel besprochen: Kellers Roman wendet das aus der Medizin übernommene Wissen über den Traum als herausragenden Ort von Heimweh-Symptomen positiv um. Endpunkt dieser literarischen Reihe ist paradoxerweise der vielleicht exemplarischste Heimweh-Text überhaupt: Johanna Spyris Roman Heidi's Lehr- und Wanderjahre (1881). Der Text inszeniert mit dem ‚Naturkind' Heidi, das von seiner Alm in die Großstadt versetzt wird und dort an Heimweh erkrankt, einen mustergültigen Fall. Obwohl der Text - diskursiv gesehen - eher im späten 18. Jahrhundert zu verorten ist (dies legen etwa intertextuelle Bezüge zu Schillers Dissertation nahe), ist der Text in seiner Exemplarik ein Symptom des Verschwindens des Heimweh-Diskurses im späten 19. Jahrhundert. Gerade weil das Heimweh kaum mehr kulturelle Plausibilität mehr besitzt, muß der Text eine desto überdeterminiertere Fallgeschichte entwerfen. Ein kurzer Überblick über das Ende des ‚Kulturthemas Heimweh' im 20. Jahrhundert bildet den Abschluß der Arbeit: Paradigmenwechsel Neurasthenie; Shell shock und Heimweh im Ersten Weltkrieg; Temporalisierungen des Heimwehs; Freuds Traumdeutung; Heimweh und Depression; Kracauers Film- und Buchkritiken; Tarkovskijs Nostalghia; Spielbergs E.T. |